Aktuelles


Do, 20. September 2018

Wie ist es eigentlich, eine geflüchtete Frau zu sein?

Ein Perspektivwechsel-Experiment mit drei Bremer Bundestagsabgeordneten

Ein ganz besonderes Experiment initiierte die Landeskoordinatorin für Migration und stellvertretende Vorsitzende des Bremer Rates für Integration (BRI) Lucyna Bogacki im Rahmen der 6. Bremer Integrationswoche. Um auf Landes- und Bundesebene für die Wichtigkeit der Integrationsberatung durch die Wohlfahrtsverbände aufmerksam zu machen, lud sie Bremer Bundestagsabgeordnete zu einem Perspektivwechsel ein. Die Idee: „Politikerinnen nehmen die Identität einer geflüchteten Frau an, die eine Vielzahl bürokratischer Hürden zu nehmen hat“, erklärt Bogacki. „Mit welchen Problemen werden die Frauen konfrontiert, und was fehlt in Bremen noch an Angeboten? Ich hoffe, dass dieses Erlebnis eindrücklich ist und noch lange in den Köpfen der Politikerinnen hängen bleibt“, umreißt sie das Ziel des Experiments.
Brief-in-Fremdsprache

So erhielten die SPD-Bundestagsabgeordnete Sarah Ryglewski, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Dr. Kirsten Kappert-Gonther sowie Doris Achelwilm von der Linkspartei, die sich bereit erklärten, dabei zu sein, einige Tage vor dem Beratungsgespräch eine Beschreibung ihrer neuen, fiktiven Identität – etwa eine zwangsverheiratete Frau aus Afghanistan, die häuslicher Gewalt ausgesetzt ist oder eine alleinerziehende nigerianische Mutter. Dazu bekamen sie je ein Paket mit Schriftstücken in arabischer Sprache. Sie mussten selbst entscheiden, was wichtig und was Werbung ist. Anschließend suchten sie die Beratungsstelle auf, um sich helfen zu lassen.
Alle drei Abgeordneten zeigten sich beeindruckt von dem Experiment und erklärten, die Situation geflüchteter Frauen jetzt tatsächlich besser nachvollziehen zu können als zuvor, als sie lediglich Erfahrungsberichte gelesen oder gehört hatten. Kirsten Kappert-Gonther bezeichnete die Beratung als „segensreiche Einrichtung“. Und auch den anderen beiden sei die Bedeutung und Notwendigkeit der Migrationsberatung bewusster geworden, äußerten sie gegenüber Lucyna Bogacki.
Was folgt aus dem Perspektivwechsel? Am 20. September wird es mit allen Beteiligten ein Auswertungsgespräch geben. Die Ergebnisse sollen als konkrete Forderungen zur Migrationsberatung an Land und Bund formuliert werden. Dazu gehört in erster eine verlässliche adäquate Finanzierung der Beratungsarbeit in allen Wohlfahrtsverbänden. Denn auch wenn mittlerweile weniger Geflüchtete ankommen als noch 2015/2016, sei der Bedarf an Beratungen sehr hoch, so die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (LAG). Allein die AWO-Beratungsstelle am Wall berät in der Woche rund 170 Menschen.

Der Bremer Rat für Integration bei facebook