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Fr, 15. Mrz 2013

Für ein menschenwürdiges Leben

Auf dem Bremer Marktplatz flattern aufgespannte Transparente im Wind. An der einen Seite steht ein Zelt, auf dessen Plane sich kämpferisch eine Rote Faust erhebt. Davor auf einer Bank Aktivisten der „Refugees’ Revolution Demo“. Flüchtlinge sowie Einheimische. Sie kämpfen seit nunmehr fast einem Jahr für die Abschaffung der Asylbewerber-Lager, der Residenzpflicht und der Abschiebung von Flüchtlingen.
Zum Jahrestag der „Refugees’ Revolution“, am 23. März soll in Berlin, wo die Bewegung auf dem Oranienplatz ihren Anfang nahm, eine große Demonstration für die Rechte der Geflüchteten stattfinden. Bis dahin besuchen die Aktivisten drei Wochen lang in verschiedenen Bundesländern Asylbewerberheime, um über die Proteste zu informieren und alle Flüchtlinge und Asyl-Suchenden einzuladen, an der bundesweiten Demonstration teilzunehmen.
„Wir kämpfen gegen die unmenschliche Isolation in den Lagern, wir sind gesellschaftlich ausgeschlossen, wir dürfen uns nicht frei bewegen, Polizei, NPD und Nazis attackieren uns“, ruft Turgay Ulu ins Mikrofon. „Wir werden kriminalisiert, aber wir wehren uns, wir tanzen auf der Straße und brechen hier, heute in diesem Moment unsere Residenzpflicht ganz bewusst.“ Für die Fernsehjournalisten wird die Musik aufgedreht und eine Gruppe beginnt demonstrativ zu singen und zu tanzen. Die Rede von Turgay Ulu ist laut und die Wut ist deutlich spürbar. „Ihr liefert Waffen in unsere Länder und wenn wir hierher fliehen, schiebt ihr uns ab. Ihr seid es, die kriminell sind.“
Am anderen Ende des Marktplatzes, etwas Abseits, steht Sam Saleki. Der 29-Jährige kam vor zwei Jahren aus dem Iran hierher und unterstützt die Demonstration, indem er heute geduldig jedem Rede und Antwort steht, der wissen will, wie es in einem Bremer Asylbewerberheim abgeht. Ob es hier auch abgelaufenes Essen gibt und die Menschen in Kellerräumen hausen müssen. „In Bremen ist es im Vergleich zu anderen Bundesländern ein bisschen besser“, erklärt Sam. „Aber menschenwürdig ist es auch nicht“, setzt er hinzu. „Ich habe ein Jahr lang im Wardammer Wohnheim gelebt. Dort teilten wir uns zu viert ein 16-Quadratmeterzimmer. Dort musste ich mit Islamisten leben. In meiner Heimat habe ich gegen sie gekämpft, ich bin vor ihnen hierher geflohen und wohne dann mit ihnen in Deutschland auf engstem Raum zusammen.“
Ein Jahr hielt er es aus, dann suchte er sich eine eigene Wohnung. Doch ein freier Mensch ist er noch lange nicht. Er darf nicht studieren, nicht arbeiten, nicht einmal Deutsch lernen. „Ein viermonatiger Deutschkurs für Flüchtlinge, der in Bremen auf ehrenamtlicher Basis angeboten wird, „AHOI“, hat mir gut geholfen.“ Danach war Schluss. Reguläre Deutschkurse gibt es nur für anerkannte Flüchtlinge. „Die vier Monate waren immerhin ein Impuls, danach habe ich viel gelesen und mir selbst die Sprache beigebracht.“
Auch wenn Sam hier viele Freunde hat, ist er tief traurig: „Ich habe mein ganzes Leben verloren“, sagt er. „Meine Familie, meine Arbeit, meine Freiheit. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, was ich kann. Ich darf nicht mal nach Hannover fahren oder mit Freunden Urlaub in Frankreich machen.“ Dass er von nur 280 Euro im Monat leben muss, ist für ihn dagegen nicht das größte Problem. „Es ist schwer damit auszukommen, aber wichtiger ist es mir, endlich studieren und reisen zu können. Ich bin ein Reisemensch.“ Bis er seine Papiere hat – wenn er sie denn überhaupt bekommt – ist er 40, hat er ausgerechnet. Bis dahin muss er selbst zusehen, womit er seinen Alltag in Bremen füllt – ohne Arbeit, ohne Familie, fast ohne Geld. Ob er bei der Demonstration am 23. März in Berlin dabei sein wird? „Nein”, sagt er, „dafür fehlt mir einfach die Kraft.“

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